Kraftwerks-Ausbau Sellrain-Silz: Das Wasser fehlt an Ruetz und Sill

Der Kraftwerkskomplex Sellrain-Silz soll ausgebaut werden. Das benötigte Wasser fehlt im Stubaital und an der Ötz. An Ruetzbach und Sill werden Kajakfahrer dann noch öfter am trockenen Flussbett stehen. Doch die Innsbrucker Paddler wehren sich …

Kraftwerks-Ausbau Sellrain-Silz: Das Wasser fehlt an Ruetz und Sill

Die Wildflüsse Tirols zählen zu den am meisten frequentierten Paddelzielen der Nordalpen. Doch Klassikern wie Finstermünzer und Imster Schlucht des Inns, Sanna, Ruetzbach und Ötz droht die Ausleitung, etliche Projekte befinden sich in Bau oder im fortgeschrittenen Planungsstadium. Es ist keine Übertreibung: Kommen die Kraftwerke, wird Nordtirol im Sommer und Herbst als Wildwasserdestination von der Landkarte verschwinden. Trockene Flüsse, keine Paddler – was in Südtirol und im Trentino längst traurige Realität ist, scheint auch den Tiroler Tälern zu blühen.

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Quelle: Kajakschule Source 2 Sea

Als eines der bedeutendsten Projekte der nächsten Jahre gilt der Ausbau des Kraftwerkskomplexes Sellrain-Silz. Die in der Kühtaigruppe gelegenen Speicherseen nutzen u.a. das Wasser der Melach, neben der Stromerzeugung durch Pumpspeicherung wird der Höhenunterschied zum Inntal zur Stromerzeugung genutzt. In den nächsten Jahren soll zusätzlich Wasser aus den Stromgebieten von Ruetz und Ötztaler Ache den Speicherseen zugeleitet werden.

Paddler bemerken das fehlende Wasser auf den mittleren und unteren Etappen der Ötz, vor allem aber auf Ruetzbach und der Sill. Die nur wenige Kilometer von Innsbruck gelegenen Flüsse gehören im Sommer zu den von München aus am schnellsten erreichbaren Wildwasserzielen. Für die Innsbrucker Vereine sind Ruetzbach und Sill Grundlage von Jugendarbeit und Feierabend-Sport.

Beide Flüsse sind auf Teilstrecken stark reguliert und unterliegen bereits heute mehreren Ausleitungen. Dennoch bürgen Ruetzbach und Sill von Mai bis August für eine ganze Reihe hochkarätiger Paddelstrecken. Am bekanntesten ist die Ruetzschlucht (WW IV-V) unterhalb Fulpmes, die an warmen Tagen trotz Wasserausleitung zuverlässig Restwasser führt, sowie die Zwei-Flüsse-Tour durch die Sillschlucht (WW III-IV) vom Ruetzwerk bis nach Innsbruck. Auf dem Ruetzbach locken zudem vier weitere Abschnitte zwischen WW II bis VI Paddler aller Klassen ins Stubaital.

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Quelle: Source 2 Sea Kajakschule

Foto oben: Die Ruetz gilt als Hausbach der Innsbrucker Paddler. Kommen die Ausleitungen wie geplant, wäre die Untere Ruetz weitaus seltener fahrbar.

Zwar sind im Stubaital keine weiteren Kraftwerke geplant, sondern – schlimmer noch – das Wasser einiger Quellbäche soll gänzlich aus dem Einzugsgebiet der Sill entnommen werden und dem Kraftwerks-Komplex Sellrain-Silz zugeführt werden. Sellrain-Silz ist ein echter Big Player im mitteleuropäischen Strommarkt. Das Kraftwerks-Konglomerat hoch im Gebirge zwischen Ötztal, Inntal und eben dem Sellrain (dem Tal der Melach) kann mit mehreren Kraftwerksstufen und mächtiger Pumpspeicher-Lasten effektiv Spitzen im europäischen Stromnetz abdecken. Grenznah gelegen, garantiert billiger Atomstrom aus Süddeutschland einen wirtschaftlichen Betrieb der Pumpen. Schlagzeilen machte Sellrain-Silz zudem im Rahmen der von dietiwag.org veröffentlichten Cross-Border-Leasing-Verträge, einem vertraglichen Konstrukt nach amerikanischem Recht, das US-amerikanischen Finanzfonds bis heute wesentliche Eigentums- und Mitspracherechte am Tiroler Wasser garantiert.

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Quelle: www.stubaiwasser.at



Foto oben: Hand in Hand gegen Wasserausleitungen ohne Maß – die Kajakdemo in Innsbruck setzt Zeichen.Doch zurück zum Thema: Die Kapazität des Kraftwerks-Komplexes soll vergrößert werden, das Wasser kommt aus dem Einzugsgebiet der Ötztaler Ache (hierzu ein Beitrag zu späterer Zeit) sowie dem von Sill bzw. Ruetz. Die Ausleitungen aus dem Stromgebiet der Sill betragen 3,6 Kubik – keine immense Wassermenge, möchte man einwenden. Weiß man jedoch um die wenigen Zentimeter, die über eine Befahrbarkeit von Ruetzschlucht und Unterer Sill entscheiden, werden die zusätzlichen Ausleitungen zum Zünglein an der Waage. Die Interessen der Rafting- und Kanusportler sind bei den Planungen der TIWAG zumindest bei solch weitreichenden Projekten ein zu berücksichtigender Faktor. Als Grundlage der Argumentation sollte ein von der TIWAG beauftragtes Schifffahrtsgutachten dienen. Über die kanusportliche Brisanz der neuen Ausleitungen wurden die Innsbrucker Paddler freilich nicht vom Projektbetreiber informiert. Ob die Interessen des Kanusports bei den Kraftwerksplanern gehört werden, hängt nicht selten an einzelnen Akteuren. So war es Bernhard Steidl, Inhaber der Kanuschule Source To Sea, der die Pläne nach gemeindlicher Auslage genauer betrachtete. Die genaue Sichtung offenbarte Verheerendes: Oben erwähntes Schifffahrtsgutachten attestierte den Kraftwerksplänen nicht nur keine Verschlechterung der Kanu-Bedingungen, sondern sogar eine Verbesserung auf Teilstrecken.

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Quelle: www.stubaiwasser.at

Foto oben: Wenn der Fluss kein Fluss mehr ist: Öde an der Unteren Sill.

Der Grund war schnell gefunden: Der Untersuchungsraum beschränkte sich auf Ober- und Mittellauf der Ruetz, eine Erwähnung der deutlich schlechteren Situation in Ruetz- und Sillschlucht wurde so vermieden. Gerade hier addiert sich der Wassermangel aber zu den bestehenden Ausleitungen und würde die Befahrungstage erheblich reduzieren. Nachdem dieser Umstand in öffentlicher Anhörung mittels Taschenrechner, Stift und Papier von Bernhard Steidl dargelegt wurde, sah sich der Projektbetreiber zum Handeln gezwungen. Um den Untersuchungsraum nicht doch erweitern zu müssen, wurde den Paddlern versprochen, auch künftig die Rest- bzw. Überwassermengen an den bestehenden Ableitungen nicht anzurühren. Sprich: Zumindest in der Ruetzschlucht wird auch in Zukunft nicht weniger Wasser fließen. Ein grandioser Etappensieg, den aufmerksame Bürgerteilhabe möglich machte! Natürlich sind Versprechungen das eine, wirksame Kontrollen der vertraglich garantierten Mindestmengen das andere. Doch hier ließe sich sicher eine Lösung finden.

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Quelle: www.stubaiwasser.at

Foto oben: Proteste für eine faire Umweltverträglichkeitsprüfung. Das Schifffahrtsgutachten brachte das Fass zum Überlaufen. Und die Paddler auf die Barrikaden.

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Quelle: Martin Zarfl

Doch wie steht es um die weiter hinten im Tal gelegenen Kanustrecken? Das Schifffahrtsgutachten begründet die Verbesserung für Paddler mit der höheren Anzahl an befahrbaren Tagen, die die Ausleitungen für die Wasserfallklamm bedeuten würden. Um dies zu verstehen ist ein Blick auf die Flussbeschreibung des Ruetzbach nötig: Die oberste Etappe führt mit geringer Wassermenge durch eine Reihe technischer Niederklammen. Der bis dato unregulierte Abschnitt hat schon heute nur eine sehr begrenzte Zahl an Befahrungstagen, da der natürliche Durchfluss selten reicht. Die Ausleitung würde diesem Abschnitt das Wasser praktisch ganzjährig abzapfen. Ebenfalls wenige Befahrungstage verbucht die folgende Wasserfallklamm, allerdings aus anderem Grund. Extrem ausgesetzt und technisch sehr schwierig wagen sich nur wenige Profis an diese Etappe, und das auch nur bei extremem Niedrigwasser. Dieser Niedrigwasserstand wäre mit den Ableitungen statistisch öfter erreicht, die Strecke theoretisch öfter fahrbar. Allerdings nur zum Preis einer menschgemachten Regulierung: Bereits Pegelschwankungen von einem Zentimeter verändern das Setting am Klammboden dramatisch. Was eine plötzliche Entsanderspülung oder anderweitig ausgelöster Wasserschwall in dem engen Canyon bedeuten würden, mag man sich nicht ausmalen.




Foto rechts: Geht nur bei wenig Wasser, ist den meisten Paddlern aber auch dann noch zu schwer – die Wasserfallklamm am oberen Ruetzbach. 

Doch ohnehin, beide Strecken werden nur von einer kleinen Zahl versierter Paddler befahren. Wesentlich bedeutender ist das fehlende Wasser auf dem relativ leichten, anfängerfreundlichen Abschnitt um Neustift. Der Fluss ist nur leicht verblockt, den Reiz macht hier die Wasserwucht aus. Gerade in den Randzeiten, wenn die Gletscherschmelze nicht in vollem Gange ist, entscheiden 4 Kubik mehr oder weniger darüber, ob sich der Einstieg lohnt. Für Naturliebhaber wie Touristiker bedeutend ist zudem, die Entwertung des erst angelegten Wilde-Wasser-Weges entlang der obersten Niederklamm. Wesentlicher Reiz des Naturschauspiels ist eben der unberührte Fluss, der sich tosend von Kolk zu Kolk stürzt. Ein müdes Plätschern von Tumpf zu Tumpf würde Wanderer wohl kaum überzeugen.

 

Wenn ihr bis hierhin gelesen habt, habt ihr bereits mitgeholfen, das erste Ziel der Tiroler Paddler zu erreichen: Dieser Artikel soll den wahren Preis vor Augen führen, den wir Stromkonsumenten durch den grenzenlosen Ausbaus der Wasserkraft bezahlen. Außerdem soll er zeigen, was bürgerschaftliches Engagement bewirken kann. Oft reicht es, einfach anzufangen und die richtigen Fragen zu stellen.

Fragen zu stellen, gibt es viele. Vielleicht die zwei wichtigsten: Was ist uns der Strom wert, den wir uns aus der Steckdose ziehen? Was sind uns alpine Flusslandschaften wert, die uns Sportlern, aber auch anderen Naturnutzern, Tieren und Pflanzen als Grundlage eines erfüllten Lebens dienen?

Was ihr tun könnt? Wenn ihr ein Zeichen setzen wollt gegen die am Horizont dräuende weitere Ableitung von Ruetz und Sill, kommt ins Stubaital! Und es wird beileibe nicht nur protestiert, sondern auch gepaddelt.

Das Kajakfestival Tirol findet statt vom 4. bis 7. Juni 2015, Veranstalter sind Bernhard Steidl und die Kanuschule Source2Sea. Das Kajakfestival Tirol ist ein viertägiges Wildwasser-Spektakel für alle. Neben Führungsfahrten, Möglichkeiten zum Boots- und Ausrüstungstest und verschiedenen Wettbewerben rund ums Kajakfahren, steht auch ein dickes Rahmenprogramm für Nichtpaddler auf dem Festivalplan.

Die Highlights: Boatercross auf der Mittleren Ruetz, Tiroler Meisterschaft WW Abfahrt (offen für alle), Stubai Freestyle an der Ruetzwalze, tägliches Raftingangebot von 09:00 - 19:00 Uhr, täglich Filmvorführungen und Musik am Festivalgelände beim Kampler See.

Alle Infos: www.kajakfestival.com
Text: Christoph Scheuermann

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TrustedPaddler
Diplom-Geograph, fester Autor fürs KANU-Magazin, Südosteuropa-Spezialist, Kajakreiseveranstalter und vor allem seit 25 Jahren so oft es geht im Boot. Der Genuss auf dem Wasser zu sein, gemeinsam mit alten und neuen Freunden, darüber zu schreiben, sich connecten. Love it! Für alles weitere .

6 Kommentare

  1. Kraftwerks-Ausbau Sellrain-Silz: Das Wasser fehlt an Ruetz und Sill
    nick sonnevor 5 Jahren

    ich kenne die Sillschlucht von Läufen alle paar Tage - Paddler habe ich erst einmal angetroffen in den letzten 10 Jahren. Da Sellrain - Silz den Anteil Erneuerbarer im Netz erhöhen wird (Atom ist ab 2022 ohnehin kein Thema mehr) und Wind (+5 GW in DE 2014) 10 mal mehr Ausgleichsenergie braucht, ist für mich die Ausleitung bei ausreichend Restwasser ok, gleiches gilt für den oberen Inn

  2. TrustedPaddler

    Hallo Sonne Nick,
    ich glaube dir nicht. Wenn du wirklich "alle paar Tage in den letzten 10 Jahren Läufe (wir Kajakfahrer verwenden dieser Wort übrigens nicht) auf der Sillschlucht hattest, hättest du dort 1. sehr häufig KajakfahrerInnen angetroffen und 2. würden wir uns kennen.
    Zu deinen Äußerungen zu Sellrain-Silz: Um das Thema vernünftig diskitieren zu können, muss man zuerst einmal zwischen den Ableitungen und dem Pumpspeicherbetrieb unterscheiden. Die Pumpspeicherfunktion der Erweiterung (liefert Regelenergie) und die Befüllung des neu geplanten Jahresspeichers ist auch über die bereits bestehenden "alten" Ableitungen möglich. Falls du Interesse hast, würde ich mich gerne mit dir über die geplanten Ableitungen aus dem Einzugsbebiet der Ruetz und Sill unterhalten. Ein Email habe ich dir gerade geschrieben...

  3. TrustedPaddler

    Das hab ich mir doch schon fast gedacht... Dich gibt's gar nicht - oder doch???

    "Delivery to the following recipient failed permanently:

    nick@sonne.at

    Technical details of permanent failure:
    Google tried to deliver your message, but it was rejected by the server for the recipient domain sonne.at by mailone.coco.co.at. [91.199.5.10].

    The error that the other server returned was:
    550 5.1.1 ... User unknown"

  4. TrustedPaddler

    Ein Troll, ein Troll ...
    Endlich wieder mal ein Troll ...

    >

    Ein nettes Psychogramm gibt's hier > de.wikipedia.org/wiki/Troll_(Netzkultur)

    Don't feed, lG, Jürgen

  5. TrustedPaddler

    @Sonne Nick: jetzt muss ich nochmals schreiben, weil ich heute Früh deine Lesermeinung falsch verstanden habe und angenommen habe, dass du selbst Kajak fährst... Somit sind deine Aussagen natürlich um einiges glaubwürdiger. Wir Kajakfahrer werden - speziell in Schluchtstrecken - von den Wanderern und Läufern sehr selten bemerkt, weil sich unsere Wege sehr selten (außer bei Brücken) kreuzen und wir ohne größerer Geräuschentwicklung unterwegs sind.

  6. TrustedPaddler

    ganz vergessen zu schreiben: die untere Sill (Sillschlucht) verzeichnet pro Jahr übrigens mehr als 5000 Kajak-Befahrungen.

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