Venedig – mit dem Kajak durch die Lagungenstadt

Keine Stadt eignet sich so gut zur Besichtigung aus dem Kajak heraus wie das Weltkulturerbe Venedig. Anton Eder berichtet von zwei Tagen zwischen menschenleerer Lagune und vielbefahrenem Canal Grande.

Venedig – mit dem Kajak durch die Lagungenstadt
Artikel Venedig Artikel Venedig – mit dem Kajak durch die Lagungenstadt

Quelle: Eder Anton

Foto: Buntes Treiben(lassen) auf dem Canal Grande, im Hintergrund die Rialtobrücke.

Die Stadt erwacht nun endgültig zum Leben. Eben noch bin ich in aller Frühe, vom östlich gelegenen Punta Sabbioni kommend, durch den südlichen Ausläufer der Inselstadt in die hoffentlich richtige Richtung gepaddelt. Nun biege ich aus dem Rio della Tana, einem der strömungslosen Kanäle Venedigs, nach rechts ab. Und schon geht's nach unten, und oben, und unten. Die Wellen am Eingang zum Canal Grande, der Prachtstraße Venedigs, sind unerwartet hoch. Aufgestachelt von den schnell vorbeirauschenden Motorbooten senken und heben sie mein Boot. Mein Adrenalinspiegel hingegen bleibt auf hohem Niveau konstant.

Ich paddle Richtung Markusplatz und bestaune eine pompöse Jacht inkl. Bodyguards und zahlreichem Personal. Einige Achterbahnwellen später bin ich mir sicher im Vergleich zum Jachtbesitzer die bessere Wahl getroffen zu haben. Prompt werde ich von der nächsten Welle besonders weit nach oben katapultiert. Unter den interessierten Augen Dutzender amerikanischer, japanischer und auch deutscher Touristen schießt es mir durch den Kopf: »Venedig im Kajak – sportlicher als erwartet. Aber eine verdammt gute Entscheidung!«

Artikel Venedig Venedig

Quelle: Anton Eder

Zwei Tage zuvor hatte ich nach getaner Arbeit mein Wildwasserkajak ins Auto gepackt und war zur Zweckentfremdung in die Lagune von Venedig gestartet. Ein Fotobuch über die Lagune hatte mich Monate zuvor mit seinen zahlreichen idyllischen Inselchen überrascht. Ein kurzer Blick auf das Satellitenbild bestätigte die zu erwartende Vielfalt: Die labyrinthartigen Strecken würde es sowohl in der Stadt als auch in der Abgeschiedenheit drum herum geben. Der Plan für die beiden Tage sah den jeweiligen Start vom auf der Landzunge gelegenen Jesolo vor. Zunächst sollte die Tour mit viel Natur und Stille um Sant'Erasmo, die größte Insel der Lagune führen. An Tag zwei würde Städtetourismus der besonderen Art im Herzen der Stadt auf dem Programm stehen.
Foto rechts: Ein exklusives, wenn auch nicht mehr samtweiches Möbelstück auf einer Wattwiese der Insel Sant'Erasmo.

Mit der Morgenflut geht es zunächst zu einer kleinen Insel vor Erasmo. Während die allgegenwärtigen Wassertaxis und Privat-Kfz (des Europäers Auto ist dem Venezianer das Motorboot) ihren festgelegten Fahrspuren folgen, quere ich diese nach links und rechts blickend im Stop-and-Go-Modus, um dann wieder das ganze Meer für mich alleine zu haben. Die Fahrrinnen der Boote werden überall durch morsch werdende Holzpfeiler markiert, die überaus fotogen von Tausenden schwarzer Muscheln besiedelt sind. Dahinter fällt jeweils auf, dass die Lagune zu großen Teilen sehr seicht ist, oftmals kann ich die Massen an Krebsen unter mir beobachten, die in Knie- bzw. Hüfttiefe auf Abstand krabbeln. Das genannte Inselchen ist ein beliebtes Ziel für Sonnenanbeter, die ihr Boot dort ankern lassen, um ihre Liegen und auch Hunde im seichten Wasser zu platzieren und mit der ganzen Familie zu entspannen. Bei der Unmenge gestrandeter Muscheln fallen einige Souvenirs an. Ich paddle weiter in Richtung Osten der Inselküste Erasmos entlang.

Die Lagune selbst habe ich anhand der Umrisse einzelner Inseln auf die Front meines Daggers gezeichnet. Neben einer Tagesration Essbarem und einem Blick auf die Gezeitentabelle ist das auch schon die gesamte Vorbereitung, um möglichst spontan erkunden zu können, was das Auge entdeckt. Fotographisches Highlight beim gelegentlichen Anlanden an Sant‘Erasmo ist dabei ein total verrostetes Sofa, das mitten auf einer horizontfüllenden Wattwiese platziert wurde und ein unwirkliches Bild ergibt.

Artikel Venedig Venedig

Quelle: Anton Eder

Artikel Venedig Venedig

Quelle: Anton Eder

Foto: Kleine Orientierungshilfe am Oberdeck.Foto: Stilles Gleiten durch die Urwälder der Lagune.

Artikel Venedig Venedig

Quelle: Anton Eder

Foto: Unterschiff, nimm dich in Acht! Die an allen möglichen Hindernissen klebenden Muscheln sind kratzige Gesellen.Auf einer mit Baumalleen und Fontänen verzierten Insel im Norden Sant‘Erasmos mache ich Mittagspause. Auch diese Insel scheint menschenleer, kaum jemand kreuzt auf den Paddelpfaden meinen Weg. Erst ein plötzlich auftauchender Gärtner weist mich darauf hin, dass es sich um eine Privatinsel handelt. Also ziehe ich weiter durch das Lagunenlabyrinth mit seinen sehr flachen Wattinseln. An einer Befestigungsmauer lege ich an. Die lange Zeit vor mir angedockten bekannten schwarzen Muscheln erweisen sich als überaus scharfkantig. Hier habe ich einen tollen Spot zum Schnorcheln für mich. Das Wasser der Lagune ist warm, die bewachsenen Felsen wunderschön. Eine Taucherbrille ist auf dieser Tour ein echtes Muss! Auf einer weiteren, verlassen wirkenden Insel verfallen die gestrandeten Holzboote und ergeben tolle Fotomotive. Beim Rückweg stelle ich fest, dass mein Inselchen vom Vormittag in der Ebbe einen riesigen Wattstrand dazugewonnen hat. Der Abwechslung halber kommt das Kajak daher an die Leine und ich nehme meine erste Wattwanderung in Angriff. Aus Rücksicht auf die Tierwelt umtreidle ich dabei viele »Bewohner«, was die Angelegenheit zusätzlich in die Länge zieht. Nach dem abendlichen Anlanden beschließt die obligatorische Pizza meinen Tag. Gespannt freue ich mich auf morgen. Was der Tag in der Stadt wohl bringen mag?

Am frühen Morgen des zweiten Tages beginne ich meine ersten Paddelschläge erneut entlang der Küste von Sant‘Erasmo. Diesmal aber paddle ich zielstrebig meiner Destination im Westen entgegen. War der erste Tag in der Lagune eine Entdeckung abgeschiedener Natur, gibt es heute das volle Kontrastprogramm. Ich will eines der Sinnbilder einer Touristenstadt aus meiner exklusiven Perspektive erkunden. Bei der Anfahrt nach Venedig-Stadt südlich der Insel Le Vignole passiere ich eine eindrucksvolle Befestigungsanlage und erkunde später ein verfallendes, mehrstöckiges Militärgebäude auf Isola di Sant'Andrea, das von einer urwaldähnlichen Landschaft umgeben wird. Der Wasserverkehr um die Stadt herum führt dazu, dass ich öfter mitten in der Hunderte Meter breiten Fahrtrinne der Boote warte, bis sie vor und hinter mir vorbeigezischt sind. Noch zeigt sich die Stadt als ein einziger riesiger Horizont, aber die Außenanlagen der Stadt kommen immer näher.
Ich lande an einer kleinen Werft und ein wahrer Fotomarathon nimmt seinen Anfang. Das Einpaddeln ins Innere der Stadt wird zu einer magischen Erfahrung. Ich durchfahre den Süden der langsam erwachenden Stadt. Als Grundprinzip für die Faszination, die von der Lagunenstadt ausgeht, zeigt sich: Tauscht man den Faktor Teerstraße gegen Wasserstraße aus, ergeben sich viele Konsequenzen, die ein kontrastreicher Genuss für das ans Festland gewöhnte Auge sind. Die Kfz-Werkstatt wird zum Reparaturdock, die Tankstelle steht an ungewohnter Stelle, Abschlepper, Müllabfuhr und Geschäftezulieferer finden ihr schwimmendes Pendant. Sogar der Bürgersteig wird im Extremfall zum Eisenpfahl in der Wand.

Artikel Mit dem Kajak durch die Lagungenstadt Venedig

Quelle: Anton Eder

Artikel Mit dem Kajak durch die Lagungenstadt Venedig

Quelle: Anton Eder

Foto: Kein klassisches Seekajak, aber Venedig ist ja auch nicht die klassische Meerestour ...Foto: Respekt dem Gondoliere – der Profi zeigt Kante.

Artikel Mit dem Kajak durch die Lagungenstadt Venedig

Quelle: Anton Eder

Foto: Stille Gasse in der Altstadt.Unterhalb des Markusplatzes gelange ich wieder auf die offene Lagune. Waren mir bislang nur leichte Wellen begegnet, findet sich hier der zu Beginn des Berichtes beschriebene Abschnitt, in dem sich die Wellen zum Schleudergang hochschaukeln. Nach einigen mitleidigen Blicken auf die bereits erwähnte Riesenjacht geht es zurück in die einmalig schönen, verwinkelten Gassen. Ganze 175 Kanäle, verteilt auf 38 Kilometer, könnte man erkunden. Einige wenige bekannte Fotomotive wechseln sich mit unzähligen kleinen Details ab, jedes schön auf seine Art. Mancher Weg endet als Sackgasse weil man »falsch« abbiegt, doch langweilig wird's nie. Die erzwungene und außerhalb der Stadt anstrengende Langsamkeit meines Creekers ist wie geschaffen für die Enge der Stadt. Ein weiterer Vorteil des Kurzboots ist die Agilität: entgegenkommenden Schiffen kann man schnell zwischen andere Boote oder Pfeiler ausweichen. Während in den stillen kleinen Gassen höchstens die gern gebuchten Gondeln und – als einzige weitere Paddler an diesem Tag – eine Gruppe SUP-Touristen meinen Weg kreuzt, ist auf dem Canal Grande sehr, sehr viel los. Ein riesiger Strom an Gondeln, Wassertaxis und Privatbooten macht »Ausweichen« und »Große Augen machen« zur Hauptbeschäftigung.

Artikel Mit dem Kajak durch die Lagungenstadt Venedig

Quelle: Anton Eder

Artikel Mit dem Kajak durch die Lagungenstadt Venedig

Quelle: Anton Eder

Foto: Ein typischer Vertreter des wassergebundenen Motorverkehrs in Venedig.Foto: Bürger, steig!

Die eigentlich obligatorische Durchfahrt der Rialtobrücke, der bekanntesten der 398 Brücken Venedigs, schenke ich mir zugunsten vieler anderer Fotomotive. Der motorisierte Verkehr ist an diesem Nadelöhr einfach zu stark. Dafür gehe ich an anderen Stellen an Land. Einer der wenigen Wermutstropfen: Da die Anlegestellen auf Motorboote ausgerichtet sind, muss man mit dem Kajak länger suchen und teils klettern, um auf Bürgersteighöhe zu kommen. Eine ersehnte Eisdiele geht mir daher durch die Lappen, nachdem ich 10 Minuten erfolglos unter dem Bürgersteig auf die Kellnerin luge, die ich nur hören aber nicht sehen kann. Da gerade die berühmte Kunstmesse Biennale stattfindet gelingt es mir sogar einige der Länderpavillons zu besuchen, bevor ich mich auf den langen Nachhauseweg begebe.
Obwohl ich einen Großteil der Stadt erpaddeln konnte sind noch viele Ecken sowie die Stadt Murano und der Friedhof übrig geblieben, die sicher einen Besuch wert gewesen wären. So erfreue ich mich der passierenden Kreuzfahrtschiffe, der wild parkenden Venezianern, die ihren Feierabend mit Boot im seichten Wasser verbringen, und der hohen Wellen bei Ebbe. Letztere ermöglichen ein schnelles Heimkommen, indem ich nur die Hälfte paddeln muss (die Welle runter) und den Rest dahingleite (die nächste Welle rauf). Die Felsen meiner Anlegestelle sind von schwarzen, sprunghaften Krebsen übervölkert, und nach dem Anlanden schwanke ich beim Gehen noch lange im Wellenrhythmus umher, begeistert von den zurückliegenden zwei Tagen in der Lagune.
Mein Fazit: Diese Stadt wurde fürs Kajaken erbaut!

Artikel Mit dem Kajak durch die Lagungenstadt Venedig

Quelle: Anton Eder

Foto: Anton Eder beim Selbstporträt im Schlick.

Text: Anton Eder

Im Social-Web teilen:

3 Kommentare

  1. TrustedPaddler

    Servus Anton,
    ein bisserl ein längeres Boot vielleicht und Du hast die größte Freude an der Vogalonga, heuer am 8. Juni ( Pfingstsonntag )
    anschauen
    4-paddlers.com/202/fb73955f-1a10-494f-bb9f-dcb80e4189b7/0/Bildergalerie_37_Vogalonga_12_6_2011.html
    lG

    Stefan

  2. TrustedPaddler
    liebeundfrvor 6 Jahren

    Hi Anton,

    danke für den prima Bericht! ich habe 2 Fragen:
    wie lange hast Du denn von Punta Sabbioni bis an Markusplatz ca. gebraucht?
    Und wie stark beeinflussen die Gezeiten das Paddeln über die Lagune?

    Ahoi, Christi

  3. TrustedPaddler

    Hi, so, endlich meinen Login wiedergefunden ;)

    @Stefan: Also, Vogalonga hab ich mir schon mal leicht vorgemerkt, irgendann die nächsten paar Jahre mal, v.a. wenn ich ein Zweitboot habe ;)

    @Christi
    Danke !!
    Oje, ich und ein Gedächtnis ~~~. Mit langsamem Wildwasser-Boot, Fotopausen u.ä., warens wohl 1,5 - 2,5 Stunden, geht aber sicher schneller, va mit Seekajak. Also nix dramatisches, man hat viel zeit für die Stadt.
    Von den Gezeiten merkt man direkt wenig, bin aber sicherheitshalber nach passender Gezeitentabelle (hab mich leicht rein-und rausziehen lassen) und wenig Wind gefahren (www.windguru.cz/int/index.php&sty=m_menu). Beim zurückfahren nach Punta S. hats mich aber schon etwas Richtung der kleinen Lagunenausfahrt gezogen, daher mit etwas Abstand befahren! Ist aber wie geschrieben geil, würds wieder so machen, mit alternativer Strecke zu andern Punkten der Lagune.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine Mailadresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind markiert mit *.

Deine Daten

Bitte achte auf eine korrekte Mailadresse. Wir schicken dir gleich eine Mail, um deine Identität zu verifizieren. Dein Eintrag wird erst danach angezeigt.