Extrempaddler Bernhard Mauracher hat mehr Tage im Boot als der "Durchschnittspaddler". Doch welcher davon ist dieses Jahr der schönste gewesen? Das verrät Bernhard hier - und wer den Zillertaler kennt, ahnt schon, wo der Ort des Geschehens ist: das Ötztal.
Ich habe jetzt die 15. Paddelsaison glücklich und gesund beenden können. Wenn ich auf die vergangenen 15 Jahre zurückblicke, konnte ich viel erleben, zum Teil auch haarsträubende Aktionen verschiedenster Art. Etliche davon mit meinem Bruder zu Beginn unserer Paddelleien. Das Risiko in diesem Sport ist leider sehr groß. Freunde von mir mussten mit ihrem Leben bezahlen. Das sind sehr demotivierende Momente, in denen man am liebsten mit diesem Sport aufhören würde.
Dennoch steigt man immer wieder ins Kajak, um auf den Wellen dahinzugleiten und die wilden Wasser zu genießen. Nur wenige werden das verstehen, aber die Liebe zum Sport bleibt, egal was passiert. Ich bin mit der Gefahr bewusst. Als Extrempaddler durchlebe ich oft Momente, in denen ich daran denke, dass es mich jetzt und sofort erwischen könnte. Man denkt oft an den Tod, das ist die Realität. Man lebt mit und für den Sport, den man liebt.
Quelle: bernhard
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Unvergessliches Erlebnis: Der Indus in Pakistan......und der Rheinfall, hier zusammen mit Stefan Maier
Aber nicht nur die Gefahr und den Tod erlebt man hautnah, sondern auch viele schöne Dinge, die man nie wieder vergessen wird. Die kostbare Natur, das Dahingleiten auf so vielen verschiedenen Flüssen, die Begegnung mit Gleichgesinnten, und wenn man in deren Gesichter schaut, sind sie zufrieden und glücklich. Die Sonne scheint dir ins Gesicht und am Abend das Lagerfeuer, wenn man mit Freunden zusammensitzt. Die extremen Hochs und Tiefs, die man mit seinen Freunden durchlebt. Genau die machen es aus - und schön.
Wie oft denkt man an schwierige Katarakte und lebensbedrohliche Abschnitte, die man mit seinem Kajak befahren möchte. Wie lange arbeitet man darauf hin, sich physisch und psychisch vorzubereiten - manchmal mehrere Jahre lang. Das Training dafür ist oft hart und mühselig.
Die wenigsten werden es verstehen.
Quelle: bernhard
Wenn ich an mein schönstes Paddelerlebnis zurückdenke, das ich 2009 hatte, brauch ich nicht weit zurückzuschauen. Nicht lange ist’s her, als ich mit Felix Lämmler und seinen Kindern zusammen auf den Achstürzen im Ötztal unterwegs war. Die Achstürze sind was ganz Besonderes für mich. Bis jetzt war ich sicher so um die 40 Mal drauf und bin dabei 20 Mal komplett und ohne zu umtragen da runtergerauscht. Allein - wenn ich daran zurückdenke, was ich dort, an dem einen Abschnitt, schon alles gesehen und durchgemacht habe, stehen mir die Haare zu Berge. Da bin doch einmal an der Abschlussstufe von vier Metern Höhe mit dem Kopf auf einem Stein gelandet. Das hat wehgetan. Mit einer Handrolle kam ich wieder auf und landete in einem Mini-Kehrwasser. Dann stieg ich aus, legte mich auf einen Stein und musste weinen wie ein kleiner Junge. Jedes Mal, wenn ich auf diesen Abschnitt gehe, habe ich Angst und ein Bauchkribbeln. Das ist aber normal. Ich habe vor jedem Fluss einen unglaublich großen Respekt.Ich versuche nicht, „AUF" einem Fluss zu paddeln, sondern „MIT" ihm.Die Ötztaler Ache ist für mich ein Fluss, der sehr dominant ist. Vor der Ache habe ich sehr großen Respekt. Sie hat schon einige Freunde und Kollegen in den Tod gerissen. Sie ist ein wildes Tier, und man muss wissen, wie man mit ihr umgeht. Erst dann beginnt man zu verstehen.
Zurück zu meinem Paddelerlebnis mit der Familie Lämmler:
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Felix schrieb mir eine SMS und fragte, ob ich auch ins Ötztal komme. Ich wusste schon, was er anstrebt, da zu dieser Zeit, wenn die Wasserstände so niedrig sind, nichts anderes mehr geht als die Achstürze. Ich ahnte schon Böses: Er wird doch nicht mit den Jungs da runterfahren wollen?
Ich stand am Einstieg, Tim Star war noch mit dabei, und wollte eigentlich mit Helmkamera, alleine und in einer neuen Rekordzeit da runter düsen. Mein Rekord mit 4.30 Minuten ist derzeit auf den zweiten Platz gerutscht. Felix hat mich bereits um eine Minute unterboten.
Egal, auf jeden Fall saß ich schon im Boot, wollte lospaddeln, als Felix mit seinen Kindern, Lars und Sven, mit Auto und Anhänger dahergefahren kam. Ich stieg wieder aus, begrüßte alle, sie zogen sich um, und so paddelten wir los. Wir paddelten in Richtung Achstürze - mit Sven (15) und Lars (17) - in die steilste und gefährlichste Zone des Ötztales.
An jeder Stelle stiegen wir aus, besichtigten und beratschlagten: Wo ist die Linie, wie gefährlich ist sie, und wo lauern die Unterspülungen?
Wenn ich daran denke, wie ich und mein Bruder Benjamin das erste Mal an den Achstürzen waren und wie viel wir damals umtragen haben. Eine Stelle paddeln und dann den Rest komplett umtragen. Ein Jahr drauf haben wir dann eine Stelle mehr paddeln können. Wenn ich an die Anfänge von uns denke, und jetzt mit Sven und Lars hier... Zum einen hatten sie es sicher etwas leichter, weil ihnen die Linie vorgegeben wurde, zum anderen sie aber um vieles jünger, aber sie sind eben bessere Bootfahrer als damals ich und Benjamin.
Ich würde sagen, sie sind reif für solche Schwierigkeiten. Da gibt es keinen Zweifel, und ich würde wieder mit ihnen auf einen solchen Abschnitt gehen.
Lars uns Sven haben die kompletten Achstürze, ohne zu umtragen, paddeln können.
Mich selber hat es begeistert, einen so großen Erfolg so junger Paddlern miterleben zu können. Wenn man die Gesichter von den Jungs gesehen hat: Da steckt Kraft und Energie dahinter. Dieser Tag war für mich sicherlich der bedeutendste und erlebnisreichste im Jahr 2009.
Quelle: bernhard
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Lars Lämmler Sven Lämmler
Ein neues Zeitalter:
Vor zehn Jahren hatte noch keiner mit solchen Gedanken gespielt. Hoffentlich entwickelt sich kein Rennen daraus, dass immer jüngere Leute auf immer noch schwierigeren Abschnitten fahren. Es ist sicherlich noch viel möglich. Das Ende ist noch lange nicht erreicht. Geschicklichkeit, Kraft, Energie, Mut und Talent spielen eine entscheidende Rolle dafür, wie schnell und wie weit kann man gehen. Es ist oft ein schmaler Grad zwischen Erfolg und Tragödie. Erfahrung hält einen am Leben.
Quelle: bernhard
Für 2010 steht wieder viel am Programm:Mein Projekt von 2009, das ich nicht realisieren konnte, weil das Risik und Verhältnisse mich davon abhielten, werde ich im Frühjahr noch einmal in Angriff nehmen. Genaueres, wenn es so weit ist.Im Juni geht es dann nach Island. Dort gibt es die höchsten Wasserfälle Europas. Mit dabei sind Olaf Obsommer und Freunde vom Team adidas und prijon. Im Juli geht’s nach Russland. Das Gebiet ums Altai-Gebirge wird mit dem Team adidas erkundet. Dort soll es Flüsse ähnlich der Ötztaler Ache geben.Im Oktober organisiere ich das erste Jungendcamp im Ötztal. Taktik, Sicherheit und Rettung aus Schluchten stehen dabei an oberster Stelle.Ansonsten werde ich noch viel in die Berge gehen und achtgeben, dass nichts passiert.Ich bin gespannt.
Text: Bernhard Mauracher
Zusammenstellung: Michelle Hombach
Fotos: Bernhard Mauracher, Peter Lintner, Lämmler, Florian Hartmann, Markus Csaki, Manuel Arnu
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