AKC Treffen im Ötztal - Ein packender Bericht über drei Tage im "Tal der Täler" von Bernhard Mauracher.
Drei Tage Paddeln im Tal der Täler?
Es handelt sich um einen Fluss, der schon Geschichte schrieb, einen Fluss, der durch eines der bekanntesten Täler Tirols fließt, einen Fluss, der nur schwer zu bändigen ist und dessen Wucht schon vielen Paddlern das Fürchten lehrte. Im Sommer zur Hochschmelze liefern sich nur einige Furchtlose mit ihren winzigen Kajaks seinen Naturgewalt aus. Sobald jedoch die Temperaturen und somit auch der Wasserstand sinken, kommen Paddler aus ganz Europa zusammen, um sich in seine nun zugänglichen Schluchten zu wagen. Der österreichische Lokalmatador Bernhard Mauracher berichtet uns von einem seiner Erlebnisse auf diesem legendenumwobenen Fluss und vom Treffen des Alpinen-Kajak-Club (AKC), das alljährlich an seinen Ufern stattfindet.
Markus macht große Augen, in der Heiligenkreuz- SchluchtJürgen Nickles am Ausgang der Heiligenkreuz- Schlucht
Es ist Donnerstagabend, der 2.10.2003, als ich in mein Auto steige, um mich in das Tal der Täler zu begeben. Ich spreche vom Ötztal, das eines meiner Lieblingsreviere ist. Es ist jedoch nicht nur die schöne Landschaft, die mich begeistert, sondern vor allem die große Auswahl von mittelschweren bis hin zu extrem schweren Streckenabschnitten. Die Wasserwucht und die neuen Erfahrungen, die ich hier auf meinen Trips sammele, bringen mich immer wieder zu neuen Erkenntnissen. Auf der Hinfahrt treffe ich wie ausgemacht bei einer Autobahnraststätte meine Kollegen Nils Kagel und Franz Puckl, zwei recht außergewöhnliche Paddler. Nach einer Tasse Kaffee steigen wir wieder ins Auto, um endlich ans Ziel zu kommen. Im Ötztal fahren wir Richtung Köfels, wo wir unser Lager aufschlagen und uns endlich aufs Ohr hauen können. Es ist nämlich schon 1.30 Uhr und der nächste Tag wird sicher anstrengend. Na dann: Gute Nacht!
Am nächsten Morgen nehmen wir ersteinmal ein anständiges Frühstück zu uns, weil es voraussichtlich den ganzen Tag über nichts mehr geben wird. Das ist bei uns so üblich. Anstatt was zu essen, paddeln wir lieber. Klingt vielleicht extrem, ist aber nicht so schlimm, wie es sich anhört. Ein relativ spätes, aber reichhaltiges Frühstück sowie ein frühes Abendmahl machen einen schon irgendwie satt.
Franz Puckl in der Kernstelle der Heiligenkreuz- Schlucht
An diesem Wochenende haben wir uns viel vorgenommen. Anfangen werden wir an der Venter-Ache mit der Heilig-Kreuz-Schlucht. Weiter geht ´s auf der Unteren Venter, dann durch die Küthrein-Schlucht, danach zur Mittleren Ötz und wenn uns unsere Kräfte noch nicht verlassen haben, zu guter Letzt auf die Wellerbrücke. Eigentlich haben wir uns ja die Achstürze vorgenommen, aber die führen dieses Wochenende doch ein wenig zuviel Wasser.
Normalerweise trifft man im Ötztal nicht allzu viele Paddler an, außer beim AKC-Treffen, da ist fast immer die Hölle los. Hier sind Paddler, da sind welche, in der Längenfelder Therme liegen auch schon einige. Wo man auch hinschaut, überall sieht man nur noch Autos mit Kajaks auf dem Dach. Als wir am Freitagmorgen zur Heilig-Kreuz-Schlucht fahren, treffen wir Klaus Krupka und Seppi Strohmeier. Wir bilden spontan eine Gruppe aus fünf Mann, mit der wie in die Schlucht paddeln. Es herrscht eine entspannte Atmosphäre und so steht einer kurzweiligen Fahrt nichts im Wege.
von l.n.r.Nils Kagel, Franz Puckl, Bernhard MauracherFranz nach einer erfolgreichen Befahrung
Am Nachmittag geht es auf die Mittlere Ötz, wo wir ebenfalls eine Menge Paddler antreffen. Mittlerweile haben sich Andreas Rehwinkel, Michi Schmierer sowie Sascha Bross dazu gesellt. Am Ausstieg angekommen treffen wir noch Tom Baudisch mit seiner Clique. Man ist an diesem Wochenende einfach nirgends alleine, was jedoch wohl gemerkt kein Nachteil ist. Ich freue mich immer wieder, bekannte und weniger bekannte Gesichter zu sehen. Und das geht bestimmt fast jedem so!
Nach einer kurzen Aussprache am Ausstieg der Mittleren Ötz geht es schnurstracks in Richtung Wellerbrücke. Es ist zwar schon ziemlich spät, aber das kann und sollte uns nicht schrecken. Als ich mit Nils und Franz am Einstieg ankomme, entschließen wir uns die Boote abzulegen und als erstes die Autos zum Ausstieg zu bringen. Schließlich ist die Strecke gerade mal einen Kilometer lang und es schadet bestimmt nicht, sich diesen Abschnitt vorher nochmals anzuschauen. Nach rascher Besichtigung geht es schnurstracks zum Einstieg. Die Zeit drängt, da wir befürchten in die Dämmerung zu kommen.
Tom Baudisch ist voll in seinem Element, Eiswasser, kalter Wind und vor Ihm noch ein langer Weg.
Paddler: Nils Kagel aus Hamburg in der Heiligenkreuz- Schlucht
Sascha Bross booft wie ein echter Könner ...... und die nächste Stufe nimmt er mit Leichtigkeit (Kühtrein- Schlucht)
Nils und ich warten nur noch auf Franz. Zehn Minuten später ist er immer noch nicht aufgetaucht und ich frage mich langsam, wo er geblieben sein könnte. Irgendwann reißt uns der Geduldsfaden und wir beschließen, ohne Franz zu fahren. Also steigen wir in die Boote und gurken los. Der Eingang, die ersten Stufen, die Walzen und Wellen, einfach ein tolles Gefühl. Wir meistern alles fast perfekt. Bei der Sprungschanze oberhalb der Kernstelle versuche ich einen „grab“ zu machen. Das sieht in etwa so aus, als ob man versucht, sich beim Boofen mit der linken Hand am rechten Knie zu kratzen und dabei gleichzeitig das Paddel mit der verbleibenden Hand in die Höhe reckt. Gleich darauf kommt Nils hinterhergehüpft. Jetzt stehen wir unmittelbar vor der Kernstelle. Die befindet sich genau dort, wo ein kleiner Steg namens Wellerbrücke den Bach quert. Auf der Brücke stehen rund dreißig Personen, die sich dieses Spektakel nicht entgehen lassen wollen.
Die Sissi ist gut in Form. Als einzige Österreicherin fährt Sie die Wellerbrücke.
Thomas Rettenbach erwischt den boof optimal im besten Streckenabschnitt der Ötz "Wellerbrücke".
Die Passage wird durch einen kleinen Katarakt eingeleitet, der eine entfernte Ähnlichkeit mit einem Treppenhaus besitzt. In seinem ersten Drittel befindet sich eine niedrige Stufe, an der das Wasser von einem Felsriegel gestaut wird und ein Prallpolster bildet. Nur ein Teil des Wassers nimmt den direkten Weg flußab, der Rest fällt nach links in einen klemmgefährlichen Felsverhau. Ein einziger Gedanke schießt mir durch den Kopf: „Jetzt nur nichts falsch machen, Bernhard!“ Ich bin total aufgeregt. Nachdem ich die erste Stufe problemlos vorgefahren bin, schlinge ich vor der Problemstelle mit dem Felsriegel in ein Kehrwasser ein. Nils folgt mir, fährt jedoch sofort weiter, um keine Geschwindigkeit zu verlieren. Trotzdem schafft er es nicht, über den Felsriegel hinweg zu kommen. Wie von Geisterhand wird er vorne hochgehoben und kippt rückwärts nach links weg. Fassungslos sieht das Publikum dem Ganzen zu und sofort entwickelt sich eine hektische Betriebsamkeit. Kaum zu glauben, aber zwei Meter weiter versucht Nils wieder hoch zu rollen, obwohl er zwischen zwei Felsblöcken eingekeilt ist. Ein wahrer Kämpfer! Erst nach vier bis fünf Rollversuchen im Weißwasser gelingt es ihm schließlich hoch zu kommen. Es dauert einen Moment, bis er verschnauft hat, dann kann er schon wieder lachen.
Ortex aus Osttirol ist auch dabei in der Kühtrein- Schlucht ...... sowie zahlreiche andere Paddler, deren Namen ich leider nicht weis.
Jetzt bin ich an der Reihe. Allerdings habe ich mir vorsichtshalber eine andere Route als Nils ausgesucht. Ich fahre los, nach rechts ins Kehrwasser, dann wieder nach links über eine Felsplatte in Richtung Hauptströmung. Irgendwie komme ich von der Idealroute ab und fliege rückwärts gegen einen aus dem Wasser ragenden Stein. Dort dreht es mich ab und ich gerate in eine seitliche Verschneidung mit Unterspülung. Es wird dunkel, aber ich behalte einen kühlen Kopf. Schnell hoch rollen und anschließend weiterfahren, das dürfte eigentlich kein Problem für mich sein. Leichter gedacht als getan! Ich rolle zwar hoch, kann jedoch nur kurz nach Luft schnappen und werde sofort wieder runtergedrückt. Das Ganze mache ich zwei, dreimal, aber ohne Erfolg. Jetzt probiere ich rückwärts zu stützen, damit ich aus dieser verdammten Verschneidung komme, jedoch wieder ohne Erfolg. Mittlerweile reift in mir die Erkenntnis, dass ich mich in einer vertrackten Situation befinde: Ich hänge mit der Bootsspitze an einem unterspülten Stein fest, genau an einer Verschneidungslinie, und jedes Mal, wenn ich aufrollen will, schießt die Hauptströmung auf mein Heck. Trotz aller Bemühungen meinerseits erweist sich das Wasser als stärker und ich habe keine Chance oben zu bleiben. Der letzte Versuch besteht darin, unter Wasser abzuwarten, damit es mich vielleicht rauszieht. Da ich jedoch keine Kiemen besitze und mir schon langsam die Luft ausgeht, muss ich wohl aussteigen. Im hüfttiefen Kehrwasser tauche ich wieder auf. In einer Hand halte ich mein Kajak und mit der anderen gelingt es mir, die Griffschlaufe von Nils´ Boot zu greifen. Er konnte bis auf einen Meter an mich heranfahren. Obwohl ich im Kehrwasser stehe, muss ich mein Boot loslassen, weil die Strömung einfach zu stark ist. Enttäuscht schwimme ich an Land, während Nils dem Boot hinterherfährt. Kurz vor dem Ende der Wellerbrücke kann er es ohne größere Schäden bergen, nur mein Paddel ist spurlos verschwunden. Gott sei Dank ist alles gut ausgegangen.
Paddler: Franz Puckl aus ST. Johann, der übrigens vor kurzem Vater geworden ist. Viel Glück und Gesundheit wünsche ich euch lieber Franz und Sabine, und möge Euer Junge auch einmal ein Paddler werden.
Paddler: Nils Kagel
Zusammen mit Andreas Rehwinkel und Nils fahre ich ohne Paddel noch die letzten 500 Meter bis zum Ausstieg an der Holzbrücke von Ötz. Danach begeben wir uns umgehend zum Einstieg in Habichen, in der Hoffnung dort auf Franz zu treffen, der uns vorhin verloren ging. Als wir oben ankommen, schlendert er uns aus dem Wald entgegen. Wie soll ich die Situation beschreiben: Franz hat dieselbe Farbe wie meine Tomaten im Garten angenommen. Er ist wohl etwas böse, da wir uns ohne ihn ins Abenteuer gestürzt haben. Glücklicherweise hat er sich nur verlaufen. Sein „Spaziergang“ muss allerdings etwas ausgiebiger ausgefallen sein, bedenkt man, welche Strecke wir inzwischen zurückgelegt haben. Es kostet uns daher einige Mühe, ihn wieder zu besänftigen,.
Anschließend fahren wir zum Camp, in dem angeblich das AKC-Treffen stattfinden soll. Wir treffen dort tatsächlich jede Menge Leute, trinken Bier und Wein, unterhalten uns am Lagerfeuer und lassen den Tag noch einmal in Worten und Gedanken Revue passieren.
Paddler: Tom Baudisch
Am nächsten Tag paddeln wir erneut die Heilig-Kreuz-Schlucht inkl. der Unteren Venter und der Kühtrein-Schlucht. Es ist wieder ein unbeschreiblich schöner Tag mit vielen Erlebnissen. Am Sonntag geht es zur Brandenberger Ache. Die hat einen überwältigenden Pegel von 2,90 m (alter Pegel). Die Befahrung ist wirklich ein würdiger Abschluss für dieses Wochenende. Es hat sich wieder einmal gelohnt, nicht auf der faulen Haut zu liegen. Ich finde es nur schade, dass viele AKC-Mitglieder sowie das Präsidenten-Pärchen am Samstag das Ötztal verlassen haben, um nach Lofer zu fahren. Schließlich hat das Treffen Tradition und sollte auch weiterhin im Ötztal stattfinden. Diesmal war das Camp bereits am Samstag Abend fast leer und lediglich ein Clubfreund aus Polen, der nur wegen des Treffens angereist war, harrte dort bis zum Schluss mutterseelenallein aus. Einfach traurig!
Die beste Stelle in der Kühtrein- Schlucht. Nils voll in Aktion.
Paddler: Bernhard Mauracher
Mit diesem Bericht möchte ich auch einige Behauptungen bezüglich unser Wellerbrücken-Befahrung, die mir zu Ohren gekommen sind, richtig stellen. Es ist mir immer wieder ein Rätsel, wie schnell Gerüchte verbreitet werden können. Es standen rund dreißig Personen, davon ca. zwanzig Paddler auf der Wellerbrücke und nur zwei Personen sahen, was wirklich geschah. Es wurde viel erzählt, besonders in den Internetforen. So hieß es beispielsweise: „Der ,local’ ist um sein Leben geschwommen.“ Ich kann nur sagen, dass man immer mit dem Unwahrscheinlichen rechnen muss, egal wo man fährt und wie schwer es ist. Es gibt keinen Kajakfahrer, der nie aussteigt oder schwimmt. Auch ich gehöre nicht dazu und das habe ich auch nie behauptet. Nils und ich sind die Wellerbrücke schon sehr oft im Alleingang gepaddelt, auch schon bei einem Pegel von 2,15 m in Tumpen. Es gibt sogar Leute, die bei 2.25 m im Alleingang da runter paddeln, aber auch die schwimmen mal und nicht nur bei äußerst schwierigen Stellen. Das sollte jedem bewusst sein. Die Ötztaler-Ache ist ein sehr gefährlicher Wildfluss, der nicht zu unterschätzen ist. Möglich ist viel, aber nicht von heute auf morgen. Meine Mittlere Ötz Befahrung bei viel Wasser sowie meine Hochwasser Befahrung der Küthrein-Schlucht nahm sehr viel Vorbereitungszeit in Anspruch. Alles, was auf den Fotos superleicht aussieht, ist eigentlich knallhartes Wildwasser, das keine Gnade kennt, wenn man sich einen Fehler erlaubt. Leider unterschätzen viele Paddler die Gefahr des Wassers und jedes Jahr beklagt das Tal tödliche Umfälle. Ich möchte hiermit alle Ötztal-Freaks aufrufen, Neulinge, welche die Ache noch nicht kennen, zu informieren, wie, wo, und was sie Paddeln sollten. Auch sollte man nicht Müde werden, darauf hinzuweisen, dass alle Abschnitte eine genau Besichtigung und umfassende Absicherung erfordern.









Hi,
ich habe noch nie verstanden, warum so ein bohei darum gemacht wird, wenn mal jemand schwimmen muß. Wir sind uns doch alle darüber im klaren, daß kein Paddler (Rollenkönnen vorausgesetzt) schwimmt, wenn es nicht unbedingt sein muß.
Und daß es ab und zu tatsächlich nicht anders geht, sollte eigentlich auch jedem Paddler klar sein.
Es kann sich bei denen, die da rumlästern also nur um Nichtpaddler handeln, sonst wüßten sie es besser.....
Ciao
Martina
Hab den Bericht mit Vergnügen und Interesse gelesen - Kompliment und besten Dank!
Horst Fürsattel
der auch schon öfter zu Fuss aus dem Bach gekommen ist :-)
Berhard, vielen Dank für diesen Bericht. Er stellt, glaube ich, einiges klar über die Wellerbrücken-Befahrung. Erhalte dir deine Begeisterung für den Kajak-Sport.
Grüße
Fiete
Kompliment, an einem Tag so einiges zu paddeln und als Abschluss noch die Wellerbrücke - echt stark!
Hab auch gedacht ich muss nie aussteigen, ist die letzten 10-15 Jahre gut gegangen, nur letzte Woche im Hallenbad (!) beim Flachwasserwheeln hab ich aussteigen müssn - Schulter luxiert! Serie beendet, schade.
Machs gut, Brandy
Lieber Bruder! Dein Bericht über das AKC-Treffen gefällt mir sehr gut, aber den letzten Zeilen hätte ich noch etwas hinzuzufügen. Hast du schon vergessen, dass die Wellerbrücke auch schon bei 2.40m, Pegel Tumpen, im Alleingang von mir befahren wurde? Ebenso wie die Mittlere Ötz nicht nur von dir bei viel Wasser befahren wurde, sondern auch von mir ( u.a. auch im Alleingang) und das, bevor du sie dann bei einem Pegel von 2.90m gefahren bist. Offensichtlich vergisst du in letzter Zeit so einiges. Auch wenn du von Alleingängen nicht viel hältst, könntest du die Leistungen an sich doch etwas würdigen.
Klingt sehr gut; wenn des depperte Ötztal net so weit weg wär... und schwimmen tut jeder a mal, außer dem Brandy
Strömer